
Das Passauer Stadtwappen
Es liegt in der Idee des mittelalterlichen Feudalstaates, daß das Wappen des Fürsten auch das Wappen seines Landes bildete. Bei einem geistlichen Fürstentum, das nicht im Erbgang bei einer Familie verblieb, sondern je nach der Wahl Bischöfen aus verschiedenen Häusern zufallen mußte, hätte ein gleichbleibendes Wappen nicht gefunden werden können; doch machte sich das Bedürfnis eines solchen besonders geltend, seit Passau 1217 ein Reichsfürstentum und als Fahnenlehen vergeben wurde.
Insoferne steckt in der Überlieferung, dass das Passauer Wappen auf den Bischof Wolfker von Ellenbrechtskirchen (1191-1204) zurückgehe, ein richtiger Kern, als er 1193 die Landeshoheit auch über das "Land der Abtei", den Grundstock des eigentlichen Fürstentums, erhielt.
Das Wappen des Fürstentums Passau besteht nun aus dem Schild mit einem roten Wolf in weißem (silbernen) Felde und (da das Domstift wie die Domkirche dem hl. Stephan geweiht war) als Helmzier über dem Schild ein aus einer Krone wachsender Arm mit einem Stein in der Faust. Warum und von wem der Wolf als Wappentier gewählt wurde, ist noch nicht klar gestellt. Jedenfalls sehen wir ihn allein als Gegensiegel des Bischofs Otto von Lonsdorf 1259 und 64 in Gebrauch. Um 1350 erscheint er in der Züricher Wappenrolle auf der Fahne des Bischofs von Passau abgebildet.
Der (rote) Wolf muss auch frühzeitig als Wahrzeichen gegolten haben; von einem Stadtwappen darf man in jener Zeit noch nicht reden, da ihr ja die Vorbedingung dafür, die Selbständigkeit, fehlt.
1340 schützt Herzog Albrecht von Österreich den Wolf als Warenzeichen der Passauer Messerer bzw. Klinger; wenn er damals bereits der Nachahmung unterlag, so muß er schon als Garantiezeichen für gute Qualität der Ware gegolten haben und jedenfalls älter sein. Tatsächlich findet man ihn auch bereits auf Schwertklingen vor 1300.
Auch die Stadtrichter des 14. Jahrhunderts führen in dem Siegel, das sie "von Gerichts wegen" haben, den Wolf neben ihrem eigenen Wappen. Bei dem Aufstand von 1298 legten sich nun die Bürger ein Stadtsiegel bei, mussten es aber ausliefern. Leider ist kein Abdruck erhalten, so dass man nicht weiß, wie es aussah; rückschließend aber darf man annehmen, dass es nur den Wolf im Schild gezeigt hat.
1368 wird nun der Stadt ein Siegel bewilligt; um dem Verhältnis Ausdruck zu geben, dass Passau keine freie, sondern eine fürstliche, geistliche Stadt ist, zeigt das Siegelbild, das natürlich vom Bischof bestimmt worden ist, den Hl. Stephanus, den Patron des Domstiftes, und nur nebenbei in kleinem Schild den Wolf.
Viel Freude wird der Stadtrat, der die Anspielung wohl verstand, an dem neuen Siegel nicht gehabt haben. Es wurde daher auch möglichst wenig in Benützung genommen; bald schaffte man sich zuerst als (Oblaten=) Petschaft, dann als (Wachs=) Siegel einen Stock an, der nur den Wolf im Schilde zeigt. Das nannte man das Stadtwappen und brachte es - dem Fürsten zum Trotz - in Stein über dem (alten und neuen) Portal des Rathauses, in Malerei an den Stadttoren und dem Zeughaus, den Geschützlafetten und Reiswägen an und führte es auch im Stadtbanner. Auch die Preisfahnen, die man an den Schützenfesten aussetzte, führten dies Wappen und die Kaufleute brachten ähnliche Fähnchen auf ihren Blachenwagen an; darum erscheint schon um 1400 im Buch der Christophorusbruderschaft auf dem Arlberg das Wappen der Stadt Passau mit dem Wolf.
Eigentlich bewilligt wurde dieses Wappen vom Bischof erst in dem "Fünferspruch" von 1432; das Jahr vorher war im Hussitenfeldzug die Teilnahme des Passauer Kontingents daran gescheitert, weil die mitausgerückten Ratsherrn die städtischen Söldner nicht unter dem bischöflichen Panier fechten lassen wollten.
Die Originalsiegelstöcke aus Silber, die noch im Passauer Oberhausmuseum verwahrt werden, sind als frühe Werke von Passauer Goldschmieden von besonderer Seltenheit und zeigen in Figur wie Ornament und Schrift eine vollendete Beherrschung der Stempelschneidekunst.
Die öfter in Chroniken auftretende Fabel vom "geschundenen" Wolf im Stadtwappen ist lediglich das Missverständnis eines heraldischen Ausdrucks, der die mittelalterliche Stilform bezeichnet, in der das Fell des (roten) Wolfes in einzelne Zotteln weit ausgezogen wurde. Die schönste Stilisierung des Stadtwappens findet sich übrigens in einem Eisengitter von 1546 im Rathaus.